Auf Tanzwut gestimmte Traditionen

Traditionen sind zum Brechen da. Aber besonders spannend wird es dann, wenn man durch den Bruch einer Tradition diese quasi untermauert. Ein Widerspruch in sich könnte man meinen, aber nur auf den ersten Blick. Über Jahrzehnte, vielleicht sogar gefühlte Jahrhunderte, waren Salsa Verde beim Open Doors gesetzt, aber letztes Jahr konnte Salsa Verde aus Terminunpässlichkeiten leider diese Tradition nicht fortsetzen. Um aber dennoch die Tradition zu bewahren, nämlich die, vor der Hugenottenhalle eine uneinnehmbare Salsa Bastion, auf den überhaupt erst aus salsarischen Gründen errichteten Tanzboden, zu bringen, musste ein Traditionsbewahrer her.

Guter Rat ist gar nicht teuer, wenn man weiß wen man zu fragen hat und da das Neu-Isenburger Trompetenwunder Ralf Nöske nicht nur kompetent auf seinem Instrument bläst, sondern auch genau so kompetent vernetzt ist, war der Weg zu Salsamania nicht weit. Der exzellente, gar nicht so teure Tipp, sorgte nicht nur dafür, dass die sich die Füße verknotenden Traditionsbewahrer sich weder beim Ordnungsamt noch beim Organisationsteam vom Open Doors beschweren konnten, sondern auch dafür, dass selbst bei allem Verständnis für gepflegte Traditionen, für jegliche Beschwerden jegliches Verständnis gefehlt hätte. Selbst Monate nach dem Open Doors wurden auf dem Vorplatz der Hugenottenhalle immer noch leicht gehbehinderte Salsaisten gesichtet, die auf Händen balancierend, mit roten Gesichtern verzweifelt nach fehlenden Gehextremitäten suchten, die der allgemeinen Salsaverknotungshysterie zum Opfer gefallen waren.

Und obwohl Massen von unendlich vielen Überstunden schiebenden, entnervten Mitarbeitern des Roten Kreuzes uns beschworen, diese Tradition endlich zu brechen, werden wir auf keinen Fall den Fehler des Christentums noch mal begehen und uns niemals wieder auf einen erneuten Kreuzzug einschwören lassen. Weder nach Jerusalem und schon gar nicht nach Havanna. Die multinationale Truppe aus Kuba, Puerto Rico, Peru, Venezuela, Ecuador und Deutschland vereint nicht nur verschiedene Rhythmen, sondern trennt auch unterschiedlichste Körperteile, bringt traditionelle deutsche Schlagzeuger ins Sanatorium für Unabhängigkeit, betont die Unabhängigkeit der USA von Donald dem tumben Trump, zumindest was kulturelle Vielfalt anbelangt, vereint ihre musikalischen Mitwirkenden zu einem Schmelztiegel, der selbst Istanbul, allen voran Erdogan, zum kochen bringen würde, bringt Männer dazu Männer anzufassen, schließt Putin aus, lässt andererseits Doping zu, allerdings nur in mit Cuba Libre gefüllten Behältern, bringt Religionen zusammen, lässt den islamischen Staat außen vor, schafft neue Kulturdenkmäler, bringt Rock’n’Roll und Salsa zusammen, ist vielleicht der Grund für die Auferstehung von Elvis Presley, beweist dass Auferstehung nicht zwingend religiös begründet sein muss, bringt den ein oder anderen Leser dieses Textes ins Grab, aber wahrscheinlich erst, nachdem dieser den Autor ins Grab befördert hat, sorgt für dessen Auferstehung, bringt tausende von tanzwütigen Salsaisten vor die Hugenottenhalle und hinterlässt spätestens nach dem Ende dieses Textes eine gähnende Leere erfüllt von tausend Fragen.

Bei uns werden Traditionen nur gebrochen um sie zu bewahren und somit heißen wir Salsamania, die Kreuze tragenden Samariter, Schlagerfans und Hardrocker traditionell wieder herzlich willkommen beim 26. Spektakel der musikalischen Vielfalt für Fans, egal welcher religiösen Gesinnung, herzlich willkommen.

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